Glossar

Kohortenstudie, Fall-Kontroll-Studie

Kontrollierte klinische Studien werden für den Wirkungsnachweis von Medikamenten bei der Zulassung gefordert. Es gibt andere Fragestellungen, die nur durch Beobachtungsstudien (Erhebungen) beantwortet werden können oder bei denen Beobachtungsstudien die bessere Alternative sind.

Beispiel 4.32

Die Frage, ob bei Frauen mit einem frühen Menarchealter vermehrt Brustkrebs auftritt, kann nicht mit einer experimentellen Studie beantwortet werden. Man kann eine solche Fragestellung nur in einer Beobachtungsstudie untersuchen.

Die wichtigsten Typen von Beobachtungsstudien in der Medizin sind die Kohortenstudie und die Fall-Kontroll-Studie.

Der Begriff der Kohorte stammt aus dem Lateinischen, wo er eine Gruppe von Soldaten einer bestimmten Kategorie bezeichnet, die gemeinsam los marschieren. Dementsprechend werden die Beobachtungseinheiten einer Kohortenstudie nach bestimmten Charakteristika zu Beginn ausgewählt. Sie werden in ihrem weiteren Verlauf beschrieben mit dem Ziel, das Auftreten eines bestimmten Ereignisses, das zu Beobachtungsbeginn noch nicht eingetreten war, in seiner Häufigkeit oder in seinem Ausmaß zu beurteilen. Das interessierende Charakteristikum der Beobachtungseinheiten, dessen Einfluss auf den weiteren Verlauf man untersuchen will, bezeichnet man als Exposition.

Die Kohorte kann als repräsentative Stichprobe aus einer Grundgesamtheit konzipiert sein, die dann hinsichtlich der interessierenden Exposition klassifiziert wird.

Beispiel 4.33

In die berühmteste Kohortenstudie der Herz-Kreislauf-Epidemiologie, die Framingham-Studie, wurden ab dem Jahr 1950 alle 30-59jährigen herzgesunden Männer der Kleinstadt Framingham in der Nähe von Boston, USA aufgenommen. An Expositionsfaktoren wurden u.a. der Blutdruck, der Zigarettenkonsum und der Cholesterinspiegel erfasst. Zielereignisse der Verlaufsbeobachtung waren Herzinfarkte und kardiale Todesfälle.

Die Ergebnisse von Kohortenstudien werden mit Hilfe des relativen Risikos bzw. der Risikodifferenz beschrieben. Das relative Risiko ist der Quotient aus der Inzidenzrate des Zielereignisses in der exponierten Gruppe und der Inzidenz in der nichtexponierten Gruppe. Entsprechend ist die Risikodifferenz die Inzidenzdifferenz zwischen Exponierten und Nichtexponierten.

Während man bei einer Kohortenstudie die Stichprobe nach der interessierenden Exposition auswählt und dann das Auftreten eines Zielereignisses abwartet, beginnt man bei Fall-Kontroll-Studien am Ende der zeitlichen Sequenz: Man wählt Probanden, Fälle, bei denen das Zielereignis eingetreten ist; und man wählt Probanden, Kontrollen, bei denen dieses Ereignis nicht eingetreten ist. In beiden Gruppen wird dann untersucht, wie häufig sie der in Frage stehenden Exposition ausgesetzt waren.

Beispiel 4.34

Die ersten Studien über den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs wurden als Fall-Kontroll-Studien durchgeführt. Man verglich Lungenkrebsfälle mit einer gleichaltrigen gesunden Kontrollgruppe und stellte fest, dass die Lungenkrebsfälle häufiger und mehr geraucht hatten als die Probanden in der Kontrollgruppe.

Als Maß für den Zusammenhang zwischen der Exposition und dem Zielereignis verwendet man bei Fall-Kontroll-Studien nicht das relative Risiko, sondern die Odds Ratio OR.

Beispiel 4.35

Hat man z.B. bei 100 Lungenkrebsfällen (Fälle) 60 Raucher und 40 Nichtraucher und bei 100 Gesunden (Kontrollen) 25 Raucher und 75 Nichtraucher, dann beträgt die Odds Ratio OR=(60:40)/(25:75) = 4.5

Die Odds Ratio kann als ungefähre Näherung für das relative Risiko gelten, wenn das Basisrisiko des Zielereignisses in der Bevölkerung klein ist.